Geldanlage und Steuern

Wie Anleger Verluste steuerlich geltend machen können

Update: 07.02.2020
Michael Schreiber
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Auf einen Blick
  • Banken und Fiskus unterscheiden strikt zwischen Altverlusten, die bis Ende 2008 entstanden sind, und Verlusten, die unter der Abgeltungsteuerpflicht ab 2009 aus Neuanlagen entstehen.

  • Für die Steuererklärung 2020 benötigen Anleger eine Verlustbescheinigung, wenn sie rote Zahlen mit dem Fiskus abrechnen wollen. Börsianer sollten sich den Termin 15. Dezember 2020 im Kalender vormerken.
Geteiltes Leid ist halbes Leid: Anleger können den Fiskus an den Wertpapier-Verlusten beteiligen.
Witthaya_IOvE/shutterstock.com

Verluste mit Wertpapieranlagen sind schmerzhaft – tun aber nur noch halb so weh, wenn man den Fiskus daran beteiligen kann. Dazu muss man jedoch die steuerlichen Spielregeln genau kennen, denn längst nicht alle Verluste will das Finanzamt anerkennen.

Wichtigste Grundregel: Verluste aus Kapitalanlagen dürfen generell auch nur mit Gewinnen aus anderen Kapitalanlagen verrechnet werden – nicht aber mit anderen Einkünften – zum Beispiel aus einer Tätigkeit als Arbeitnehmer oder Vermieter. Innerhalb der Kapitalerträge unterscheiden Banken und Fiskus seit Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009 zudem strikt zwischen Altverlusten, die bis Ende 2008 entstanden sind, und Verlusten, die sich ab 2009 aus Neuanlagen ergeben haben. Für beide gelten völlig unterschiedliche Regelungen. Banken und Fondsgesellschaften dürfen unterjährig nur Gewinne und Verluste automatisch miteinander verrechnen, die aus Neuanlagen ab dem 1. Januar 2009 erzielt wurden.

Bleibt Ende 2019 aus allen Kapitalanlagen ein Verlust übrig, kann dieser zeitlich unbeschränkt in künftige Jahre vorgetragen und mit dort entstehenden Gewinnen und Kapitalerträgen verrechnet werden.

  • Hinweis: Aktiensparer müssen allerdings mit einer Besonderheit leben – Verluste aus ab 2009 getätigten Aktienkäufen dürfen nur mit Gewinnen aus Aktienverkäufen verrechnet werden. Ob diese Einschränkung verfassungsgemäß ist, prüft derzeit der Bundesfinanzhof (Az. VIII R 11/18).

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Zwei Verlustverrechnungstöpfe

Um diese Spielregeln einhalten zu können, führt die Depotbank für jeden Anleger elektronisch bis Ende 2019 zwei Verlustverrechnungstöpfe. Im ersten Topf landen realisierte Verluste aus Verkäufen von Aktien, REITs (= Real Estate Investment Trust, börsennotierte Immobiliengesellschaften wie die Hamborner AG) und Vollrisikozertifikaten mit Andienungsrecht – sofern Anleger diese Papiere nach dem 31. Dezember 2008 ins Depot gepackt haben. Die Einbußen aus Aktiengeschäften zählen ab 2009 zwar in voller Höhe bei der Steuer mit, die Miesen werden in diesem Speicher aber solange auf Eis gelegt, bis bei der gleichen Bank aus Aktiendeals ein verrechenbarer Gewinn entsteht.

Im zweiten Topf landen alle übrigen realisierten Verluste aus Wertpapieranlagen, die seit 2009 getätigt wurden. Erfasst werden Gewinne und Verluste aus dem Handel mit Anleihen, Zertifikaten, Termingeschäften, Fondsanteilen sowie gezahlte Stückzinsen. Sämtliche Nebenkosten beim An- und Verkauf, wie Bankspesen und Maklercourtage, zählen mit.

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Neu ab 2020 – zwei weitere Verlusttöpfe

Mit dem Jahressteuergesetz 2019 hat das von Olaf Scholz geführte Bundesfinanzministerium die missliebige Rechtsprechung rund um wertlos ausgebuchte Aktien, verfallene Optionen und Zertifikate und Verluste aus insolventen Anleihen und ausgefallenen privaten Darlehen komplett für ab 2020 entstehende Verluste wieder einkassiert.

Werden Aktien und Anleihen nach einer Firmenpleite wertlos, dürfen Anleger die erlittenen Totalverluste seit 2020 nur noch bis zur Höhe von 10.000 Euro mit übrigen steuerpflichtigen Kapitalerträgen verrechnen. Nicht genutzte Verluste werden auf künftige Jahre vorgetragen. Ab 2021 realisierte Verluste aus Termingeschäften dürfen ebenfalls nur noch mit gleichartigen Gewinnen und nur noch bis maximal 10.000 Euro jährlich Steuer sparend verrechnet werden.

  • Biallo-Tipp: Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) hat eine Klage gegen diese gesetzliche Neuregelung angekündigt. Betroffene Anleger legen im nächsten Jahr Einspruch gegen ihren Steuerbescheid für 2020 ein und warten ohne eigenes Klage- und Kostenrisiko auf den Ausgang dieser Musterklage.

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3
 
Name
ISIN
Wertzuwachs p.a.
 
1.
DWS German Small/Mid Cap
DE0005152409
0,03%
2.
Fondak A EUR
DE0008471012
-4,28%
3.
UBAM Dr. Ehrhardt German Eq. AC EUR Acc
LU0087798301
-4,81%
Laufzeit: 5 Jahre

Steuern werden oft automatisch erstattet

Die depotführenden Institute führen die verschiedenen Verlusttöpfe getrennt voneinander unterjährig fort. Das hat für Anleger einen entscheidenden Vorteil: Sie müssen ihrem einmal bezahlten Steuergeld nicht lange hinterherlaufen. Die Bank erstattet auch im laufenden Jahr zu viel gezahlte Steuern zurück.

Beispiel: Hat ein Anleger im Januar 2020 mit Aktien einen Kursgewinn von 1.000 Euro erzielt sowie darauf 250 Euro Abgeltungsteuer bezahlt und realisiert er im April 2020 ein verrechenbaren Kursverlust mit Aktien von ebenfalls 1.000 Euro, zahlt die Bank die im Winter einbehaltenen 250 Euro Steuern direkt wieder aus.

Mancher Anleger kann sich deshalb das Ausfüllen komplizierter Steuerformulare sparen. Ehepaare sind im Vorteil, wenn sie ihrer Depotbank einen gemeinsamen Freistellungsauftrag erteilt haben. Dann erfolgt eine konten- und depotübergreifende Verrechnung von Kursgewinnen und -verlusten. Führen die Ehepartner allerdings Depots bei verschiedenen Banken, kommen sie auch weiterhin um eine Steuererklärung nicht herum.

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Reihenfolge bei Verlustverrechnung

Anleger mit Depots bei mehreren Banken können eine institutsübergreifende Verlustverrechnung nur über die jährliche Steuerveranlagung erreichen. Dazu müssen sie zu allererst bis zum 15. Dezember des laufenden Steuerjahres bei ihren Depotbanken eine Verlustbescheinigung anfordern und dann nach Jahresablauf mit der Steuererklärung beim Finanzamt einreichen. Ein BMF-Schreiben vom 17. Januar 2019 (Aktenzeichen IV C 1 - S 2252/08/10004:23, Download unter www.bundesfinanzministerium.de) stellt noch einmal klar, in welcher genauen Reihenfolge die steuersparende Verrechnung von Kursgewinnen und -verlusten zu erfolgen hat.

Zuerst werden demnach sämtliche Aktienverkaufsgewinne aller bescheinigten Depots mit Aktienverkaufsverlusten aus dem aktuellen Jahr verrechnet. Erst danach berücksichtigt das Finanzamt Verlustvorträge aus Aktiendeals vergangener Jahre. Sind in den von der jeweiligen Bank bescheinigten Zahlen auch Verluste aus anderen Wertpapiergeschäften enthalten, erfolgt auch hier vorrangig eine Verrechnung mit Gewinnen aus dem aktuellen Jahr. Erst danach kommen Verlustvorträge aus Altjahren zum Zug.

  • Biallo-Tipp: Für die Steuerabrechnung 2020 muss die Bescheinigung bis zum 15. Dezember 2020 bei der Depotbank beantragt werden.

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Zeitenwende bei Aktienverlusten

Um den Wertverlust einer Aktie steuerwirksam werden zu lassen, muss man das Papier eigentlich verkaufen. Das Bundesfinanzministerium (BMF) war bislang allerdings der Ansicht, dass ein Verlust nicht steuerwirksam wird, wenn der Verkaufspreis für die Papiere gerade mal die Bankspesen und die anfallende Maklercourtage abdeckt (BMF-Schreiben vom 18. Januar 2016, Bundessteuerblatt 2016 Teil I Seite 85). Da der Fiskus bis Ende April 2019 seine Meinung bei den Depotbanken durchgedrückt hat, wurden derartige Verkaufsverluste nicht im Verlusttopf für Aktien eingestellt.

Der Bundesfinanzhof (BFH) hat jedoch mit Urteil vom 12. Juni 2018 (Az. VIII R 32/16) gegen den Fiskus entschieden, das ein steuerwirksamer Verkauf auch dann vorliegt, wenn die Transaktionskosten nicht abgedeckt sind. Außerdem entschieden die Richter aus München, dass Anleger diese roten Zahlen auch bei fehlender Bankbescheinigung über die Einkommensteuererklärung geltend machen können. Erst mit BMF-Schreiben vom 10.Mai 2019 (Az. IV C 1 S 2252/08/1004: 26) hat das Finanzministerium seine Niederlage eingestanden und will derartige Aktienverluste anerkennen.

Doch Vorsicht: Ihre Bescheinigungspraxis müssen die Banken definitiv erst ab 2020 ändern. Es kann also für 2018 und 2019 noch Aktienverluste geben, die in der Bankbescheinigung nicht ausgewiesen werden. Die müssen Anleger dann auf eigene Initiative beim Fiskus geltend machen. Anleger sollten deshalb alle An- und Verkaufsbelege aufheben, falls das Finanzamt diese nachträglich anfordert.

  • Biallo-Tipp Das Finanzgericht Rheinland Pfalz hat mit Urteil vom 12. Dezember 2018 (Az. 2 K 1952/16) entschieden, dass sogar die ersatzlose Ausbuchung wertlos gewordener Aktien zu einem steuerlich abzugsfähigen Verlust führt. Endgültig entscheiden muss der BFH – seit dem 20. März 2019 ist ein Revisionsverfahren unter Az. VIII R 5/19 anhängig.

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Steuerwirksamer Knock-out

Sind Anleger mit ihren Knock-out-Zertifikaten auf die Bretter gegangen, können sie die verlorene Investition jetzt uneingeschränkt mit anderen Kapitalerträgen verrechnen. Das hat der BFH entschieden (BFH-Urteil vom 20. November 2018, Az. VIII R 37/15). Ob das auch für Zertifikate gilt, die eine dem Basispreis vorgelagerte Stopp-Loss-Schwelle haben, muss der BFH in einem weiteren anhängigen Revisionsverfahren (Az. VIII R 1/17) erst noch klären.

  • Biallo-Tipp: In keinem der beiden Fälle will das Bundesfinanzministerium bislang klein beigeben – offizielle Reaktionen aus den Ämtern gibt es nicht. Betroffene Anleger müssen sich deshalb wehren und notfalls unter Hinweis auf die BFH-Rechtsprechung mit Einspruch gegen ablehnende Steuerbescheide vorgehen, wenn das Finanzamt die Verluste nicht freiwillig verrechnen will.

Miese mit Mittelstandsanleihen und Privatdarlehen

Die Finanzämter wollen Anlegerverluste aus dem Kauf von hochverzinsten Mittelstandsanleihen oder Kreditausfälle aus privaten Darlehensvergaben immer noch nicht steuerlich akzeptieren. Sie berufen sich dabei auf eine Anweisung aus dem Bundesfinanzministerium (BMF-Schreiben vom 18. Januar 2016, BStBl. 2016 Teil I Seite 85, Textziffer 60). Doch solche Anweisungen binden nur die Finanzämter – für den einzelnen Steuerzahler sind sie nicht maßgeblich. Der BFH hat der in dem BMF-Schreiben vorgegebenen Verwaltungspraxis für Privatdarlehen bereits eine klare Absage erteilt (Urteil vom 24.Oktober 2017 Az. VIII R 13/15).

Die Finanzämter müssen nun umdenken – das fällt ihnen aber sichtlich schwer. Ein offizielles Statement der Behörden zu der neuen Rechtslage steht immer noch aus. Man berät intern schon seit Jahren, wie man mit dem teuren Richterspruch umgehen möchte (Kurzinformation der OFD Nordrhein-Westfallen vom 23. Januar 2018). Das BFH-Urteil ist deshalb immer noch nicht amtlich im Bundessteuerblatt veröffentlicht und daher noch nicht für alle betroffenen Steuerzahler allgemein anwendbar.

Die Finanzämter weisen vielfach entsprechende Anträge auf Verlustabzug zurück und verweisen darauf, dass der Richterspruch des BFH vom 24. Oktober 2017 eine Einzelfallentscheidung war. Das stimmt aber so nicht. Betroffene Steuerzahler sollten sich per Einspruch gegen den Steuerbescheid zur Wehr setzen und ein "Ruhen des Verfahrens" beantragen. Das kostet nichts und man profitiert als Trittbrettfahrer von künftigen Entscheidungen des BFH. Auch wenn das Urteil vom 24. Oktober 2017 demnächst doch von den Ämtern in allen Streitfällen umgesetzt würde, sichert man sich so eine nachträgliche Steuererstattung. Denn die Chancen stehen nicht schlecht.

In einem weiteren Streitfall (IX R 9/18) muss der BFH klären, ob auch der Verzicht auf eine ausstehende Darlehensforderung steuerwirksam geltend gemacht werden kann. Geklärt werden muss auch noch, zu welchem Zeitpunkt die Verluste aus privaten Darlehensvergaben steuerwirksam werden (Az. VIII R 28/18).

Dass der Kreditausfall überhaupt steuerlich abziehbar ist, hatte zuvor schon das Finanzgericht Düsseldorf als Vorinstanz festgestellt (Urteil vom 18. Juli 2018 - Az. 7 K 3302/17 E). Mit Urteil vom 25. September 2018 hat das FG Düsseldorf entschieden, dass auch die Enteignung von Anleihe-Inhabern zu steuerlich abziehbaren Verlusten führen muss (Az. 13 K 93/16).

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Altverluste nicht wertlos

Mit Altverlusten aus der Zeit bis Ende 2008 haben Depotbanken und Fondsgesellschaften nichts zu schaffen – dennoch sind sie nicht wertlos. Anleger müssen diese nur bei ihrem Finanzamt geltend machen. Anleger durften ihre roten Zahlen aus der Zeit bis 2008 zwar in das neue Steuersystem der Abgeltungsteuer hinüberretten.

Allerdings konnten sie diese Altverluste nur noch zeitlich befristet bis zum 31. Dezember 2013 über die Steuererklärung mit Kursgewinnen aus allen Wertpapiergeschäften ab 2009 verrechnen. Dazu zählen also auch Profite aus dem Verkauf von Anleihen, Zertifikaten und Fondsanteilen – nicht jedoch Zinserträge oder Dividenden sowie Auszahlungen aus Lebensversicherungen oder Fondsausschüttungen.

Seit 2014 können noch nicht verwertete Altverluste nur noch mit Gewinnen aus privaten Veräußerungsgeschäften wie dem steuerpflichtigen Verkauf von Immobilien, Edelmetallen wie Goldbarren oder -münzen oder Antiquitäten verrechnet werden.

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