Marktkommentar : Frontiermärkte – strategische Investmentopportunität selbst in geopolitisch schwierigen Phasen

Patrick Kümmel
Leiter des Investment OfficeLUNIS Vermögensmanagement AG
In einem geopolitisch durch den globalen Handelskonflikt weiterhin angespannten Marktumfeld finden langfristig orientierte Investoren attraktive Investitionsmöglichkeiten in sogenannten Frontiermärkten.

Hierbei handelt es sich um Länder, die sich an der Grenze (englisch „frontier“) zu den ökonomisch, politisch und finanziell bereits weiterentwickelten Schwellenländern befinden. Diese ähneln oft den Schwellenländern der Neunziger Jahre und bieten Diversifikationsvorteile und höhere Renditemöglichkeiten bei meist geringerer Volatilität. Hierzu zählen Länder wie Vietnam, Rumänien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Ägypten. Insbesondere für langfristig orientierte Investoren erachten wir eine Portfoliobeimischung von Frontiermärkten aus folgenden Gründen als strategisch sinnvoll:
  1. Aufgrund ihres Aufholpotenzials hatten viele Frontiermärkte in den vergangenen Jahren bereits ein höheres Wirtschaftswachstum als andere Entwicklungs- und Industrieländer. Auch für die nächsten 30 Jahre wird nicht nur aufgrund der vorteilhaften Demographie ein Wachstumspotenzial von durchschnittlich ca. fünf Prozent jährlich prognostiziert. Demgegenüber liegt die Wachstumsprognose für die Schwellen- und Industrieländer nur bei ca. vier bzw. ca. zwei Prozent. Die Staatsverschuldung ist zudem meist noch relativ gering und die Länder dürften zunehmend Kapital an sich ziehen. Vor allem die Perspektive zur Aufnahme in Schwellenländerindizes und die geplanten Lockerungen für ausländische Investoren werden sich voraussichtlich in den nächsten Jahren positiv auf die Kursentwicklung von Aktien und Anleihen aus diesen Ländern auswirken, wodurch sich letztlich auch die Liquidität verbessern sollte. Denn im Zuge der Aufnahme in die Schwellenländerindizes müssen vor allem ETFs investieren. Interessant erscheint aktuell die Entwicklung in Vietnam. Die Ho Chi Minh Stock Exchange (HOSE) verkündete kürzlich, drei neue Aktienindizes auflegen zu wollen, die die Auflage neuer ETFs erleichtern und zu weiteren Kapitalzuflüssen und höherer Liquidität führen sollte. Bisher sorgte die im Vergleich zu anderen Märkten eingeschränkte Liquidität dafür, dass internationale Investoren die Frontiermärkte eher ignorierten. Auch der Wille zu Reformen in vielen dieser Länder und das Streben nach mehr Transparenz und professionellerem Management trägt bereits zur Vertrauensbildung bei.

  2. Die Frontiermärkte weisen in der Regel geringere Volatilitäten aus. Dies liegt einerseits an der deutlich geringeren Anzahl ausländischer Investoren, die in Stressphasen meist zunächst Gelder außerhalb ihres Heimatmarktes abziehen. Der Anteil ausländischer Investoren liegt in Vietnam bei ca. 20 Prozent und in anderen Frontiermärkten teilweise unter zehn Prozent. Demgegenüber beträgt dieser Anteil in Schwellenländern wie Südafrika, Brasilien oder Russland bereits über 30Prozent.

  3. Hervorzuheben ist zudem die noch relativ geringe Korrelation zu Schwellen- und Industrieländern und das dadurch resultierende Diversifikationspotenzial im Portfoliokontext. Die Kursentwicklungen in den Frontiermärkten sind weniger stark den globalen Kapitalmarktströmungen und der Risikobereitschaft internationaler Investoren ausgesetzt. Deren Entwicklung ist vielmehr von den länderspezifischen Wirtschaftsentwicklungen und weniger von den globalen Konjunkturzyklen abhängig. Folglich sind sie auch weniger stark vom globalen Handelskonflikt betroffen.
Länder wie Vietnam profitieren vom aktuellen Handelsstreit, da zum Beispiel einige chinesische Unternehmen bereits ihre Produktion verlagert haben, um den Handelszöllen der USA zu entgehen. Selbst eine Entspannung dürfte der Verlagerung jedoch nur marginal entgegenwirken. In Vietnam betragen die durchschnittlichen Lohnkosten nur ca. ein Viertel der Kosten in China; eine Angleichung dürfte trotz gesellschaftlicher Veränderungen nur langsam erfolgen. Die Korrelation zwischen den einzelnen Frontiermärkten ist damit letztlich deutlich geringer als innerhalb der Schwellenländer und geringer als zu Schwellen- oder Industrieländern allgemein.

Korrelationen und annualisierte Volatilitäten der wöchentlichen Renditen der letzten 10 JahreFrontiermärkte (Aktien)Schwellenländer (Aktien)Industrieländer (Aktien)
Frontiermärkte (Aktien)1,00--
Schwellenländer (Aktien)0,491,00-
Industrieländer (Aktien)0,480,821,00
Annualisierte Volatilität (%)131916

Da die Finanzmärkte in den Frontiermärkten weniger liquide und entwickelt sind, empfehlen wir breit diversifiziert über Fonds zu investieren. Gerade in diesen Märkten sehen wir deutliches Outperformancepotenzial durch aktives Fondsmanagement. Diese Länder haben meist noch schwache Notenbanken und staatliche Organe, weshalb der Einfluss der jeweils aktuellen Regierung von großer Bedeutung ist und das politische Risiko nicht zu unterschätzen ist. Andererseits werden selbst die bedeutenden Unternehmen in den Frontiermärkten oft nur von wenigen Analysten gecovert. Folglich sollte sich ein aktiver Stockpicking-Ansatz eines erfahrenen Fondsmanagers bewähren und künftig einen Mehrwert generieren.

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Disclaimer: Der Marktkommentar stellt die Meinung des jeweiligen Verfassers dar und nicht die der Redaktion von biallo.de. Ferner sind die im Marktkommentar formulierten Inhalte keine konkreten Handlungsanweisungen für den Umgang mit Wertpapieren. Jegliche Investitionsentscheidung, die aus dem Marktkommentar durch den Kunden abgeleitet wird, basiert ausschließlich auf dem eigenen Ermessen des Kunden.
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