Marktkommentar : IPOs im Technologiesektor

Julian Bösch
Portfolio ManagerLUNIS Vermögensmanagement AG
Technologische Errungenschaften der Vergangenheit haben unser Leben grundlegend verändert. Instant Messaging hat beispielsweise die Art und Weise ersetzt, wie wir mit anderen Menschen kommunizieren. E-Commerce hat unser Einkaufsverhalten maßgeblich beeinflusst. Kein Wunder also, dass der Technologiesektor einen größeren Anteil an der amerikanischen Volkswirtschaft hat als die sechs kleinsten Sektoren in Kombination.

Innovation kennt keine Grenzen und so werden auch immer mehr traditionelle Branchen beeinflusst. Risikokapital fließt aktuell verstärkt in die Food Tech-Investitionsmöglichkeiten (zum Beispiel Fleischersatzstoffe) sowie in die Bereiche Agriculture Tech (zum Beispiel Landwirtschaft 4.0) sowie Beauty Tech. Der Aufstieg und die weitere Verbreitung von Technologie in unserem Alltag sowie die Revolution bestehender Geschäftsmodelle werden sich weiter fortsetzen und nicht aufzuhalten sein.

Das Jahr 2019 könnte das stärkste Jahr der Wertrealisierung durch Börsengänge (IPO = Initial Public Offering) für Venture Capital (VC) finanzierte U.S. Technologieunternehmen in diesem Jahrzehnt sein. Lang erwartete Exits vieler sogenannter Unicorns (dies bezeichnet ein Startup-Unternehmen mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar) kamen bereits zustande und setzten gebundenes Kapital in illiquiden Vermögenswerten in Milliardenhöhe frei. Da dieses eingenommene Kapital wieder in neue Ideen investiert wird, könnte dies die nächste Gründungswelle neuer Geschäftsmodelle nach sich ziehen.

Der Druck auf den Zugang zum öffentlichen Kapitalmarkt als Finanzierungsquelle ist für U.S. Start-Ups nach wie vor zweitrangig. Zwei Drittel der U.S.-Unicorns haben 2018 private Finanzierungsrunden durchgeführt. Der jüngste Ansturm für einen Börsengang im Jahr 2019 hängt eher mit zwei Makrofaktoren zusammen. Erstens werden die U.S.-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 wahrscheinlich zu einer ähnlichen Unsicherheit wie im Jahr 2016 führen, als der IPO-Markt eine Pause einlegte. Zweitens hat die jüngste Konjunkturabschwächung die Chancen auf eine Rezession im Jahr 2020 erhöht. Private Unternehmen wollen dem zuvorkommen, da sich der IPO-Markt zweifellos abkühlen würde und möchten so von den erhöhten Bewertungen profitieren.

Heutzutage wagen Firmen den Schritt an die Börse erst in einem späteren Stadium ihrer Unternehmensgeschichte. Rekordtiefe Zinssätze nach der Finanzkrise drängten Anleger in private Märkte und erhöhten so das für private Finanzierungsrunden verfügbare Kapital. Durch das starke Wachstum der VC-Branche konnten VC-finanzierte Startups ihre durchschnittliche Umsatzbasis bei Börsengängen in diesem Jahrzehnt verdoppeln. Unternehmen präferieren mit der Fülle an verfügbarem Kapital Wachstumsfinanzierungsrunden gegenüber Exits durch einen Börsengang ähnlicher Größe. Dies könnte signalisieren, dass Unternehmen reifen wollen, bevor sie sich einen noch größeren Exit sichern.

Die IPO-Bewertungen sind aktuell in etwa doppelt so hoch wie noch vor sieben Jahren. Neue Plattformen werden dabei auch immer schneller zum Unicorn. Start-Ups profitieren von Fortschritten in den Bereichen Hardware, künstliche Intelligenz und Kommunikation. Aber auch aufgrund der Cash-Bestände vieler Technologie-Giganten, der amerikanischen VC-Branche oder des Softbank Vision Fund wird weiter in Technologie investiert werden.

Abschließend denken wir, dass hinsichtlich der attraktiven Nachfragesituation (viel Kapital verfügbar) die IPO-Bewertungen relativ teuer sind, weshalb ein selektiver Ansatz am erfolgversprechendsten ist. Ein Börsengang bleibt der konsequente Schritt, da der Zugang zu einem größeren, liquideren und permanenten Kapitalpool in der Vergangenheit führenden Unternehmen erst ermöglichte, ihren Erfolg zu monetarisieren und ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Die oft als Synonym für die Technologiebranche angesehenen FANG Aktien (Facebook, Amazon, Nvidia, Alphabet (ehemals Google)) erzielten nahezu 96 Prozent ihrer Unternehmenswertsteigerungen als an der Börse gelistetes Unternehmen. Ähnliche Erfolgsgeschichten könnten sich wiederholen. Aber nicht alle Tech-Unternehmen werden am Kapitalmarkt gleichermaßen nachgefragt, da B2B Tech-Unternehmen eine deutlich bessere Wertentwicklung als B2C Tech-Unternehmen aufweisen, was auf die besseren Fundamentaldaten zurückzuführen ist.

Julian Bösch

Julian Bösch ist als erfahrener Portfolio Manager der LUNIS Vermögensmanagement AG am Standort Stuttgart beschäftigt. In früheren Tätigkeiten begleitete er erfolgreich unter anderem das Portfoliomanagement bei einem Family Office und ist seit mehreren Jahren als Kapitalmarkt- und Wertpapierspezialist Mitglied zahlreicher Investmentausschüsse. Als Portfolio Manager hat er sich auf innovative Zukunftsthemen spezialisiert. Im Fokus stehen dabei insbesondere die Themen Biotechnologie und Digitalisierung 4.0. Er besitzt einen Master Abschluss in Wirtschaftswissenschaften der Universität Basel.

Disclaimer: Der Marktkommentar stellt die Meinung des jeweiligen Verfassers dar und nicht die der Redaktion von biallo.de. Ferner sind die im Marktkommentar formulierten Inhalte keine konkreten Handlungsanweisungen für den Umgang mit Wertpapieren. Jegliche Investitionsentscheidung, die aus dem Marktkommentar durch den Kunden abgeleitet wird, basiert ausschließlich auf dem eigenen Ermessen des Kunden.
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