Corona-Crash an den Finanzmärkten: Was die Börsenprofis raten

Virus-Krise Corona-Crash an den Finanzmärkten: Was die Börsenprofis raten

von Andreas Jalsovec
20.03.2020
Auf einen Blick
  • In der Corona-Krise versuchen Notenbanken und Regierungen mit allen Mitteln, die Wirtschaft vor dem Absturz zu retten. Die EZB pumpt 750 Milliarden in den Markt. Die USA verteilt "Helikoptergeld".

  • Eine weltweite Rezession wird das aber nicht verhindern, meinen Experten. Auch die Börsen dürften noch einmal weiter absacken.

  • Anleger sollten daher sehr vorsichtig sein. Die Kurse sind zwar extrem niedrig. Wer jetzt einsteigen will, sollte es aber nur mit kleinen Beträgen tun.
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Wenn noch ein Beweis nötig gewesen wäre, dass die Lage wirklich ernst ist: Christine Lagarde hat ihn am Donnerstag früh geliefert. Da kündigte die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) an, weitere 750 Milliarden Euro in die Märkte zu pumpen, um damit bis zum Ende des Jahres Anleihenkäufe zu finanzieren. Die Notenbank will so die schweren wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise abmildern. "Ziel der EZB ist es, den Staaten die Finanzmittel zur Verfügung zu stellen, damit diese ihre Konjunkturprogramme überhaupt finanzieren können", sagt Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank.

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Tatsächlich hatten die Finanzmärkte einigen Staaten dies nicht mehr aus eigener Kraft zugetraut. Für das von der Corona-Krise am stärksten gebeutelte Italien fürchteten sie offenbar sogar einen wirtschaftlichen Zusammenbruch: Die Kurse zehnjähriger italienischer Staatsanleihen waren zuletzt stark gefallen, die Renditen sprunghaft auf fast drei Prozent gestiegen - ein Zeichen dafür, dass die Investoren eine Staatspleite nicht ausschließen. Auch an den Staatspapieren anderer Länder lässt sich die Krise ablesen. Sogar Deutschland ist betroffen: Die bereits geplanten Milliarden-Hilfsprogramme - und jene, die möglicherweise noch kommen könnten - drücken auch auf die Bonität des europäischen Musterschülers.

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"Die Frage ist: Wann kommt die Erholung?"

Immerhin: Die Ankündigung der EZB zeigte Wirkung. Die Anleihenkurse erholten sich danach. "Die Notenbanken und die Regierungen schießen jetzt aus allen Rohren", sagt Experte Halver. Damit versuchten sie, Staaten und Unternehmen über die Krise zu helfen. Aber auch die Anleihenkäufe und Hilfsprogramme werden nicht verhindern, dass der Weltwirtschaft ein drastischer Einbruch bevorsteht. "Das zweite Quartal wird verheerend", meint Halver: "Die Wirtschaftsleistung wird herunterfallen wie die Niagarafälle. Die Frage ist: Wann kommt die Erholung?"

Die Antwort darauf hängt vor allem davon ab, wie sich die weltweiten Infektionen mit dem Virus weiterentwickeln, - und wie lange damit das Einfrieren der wirtschaftlichen Aktivität in den wichtigen Industriestaaten anhält. Die Weltwirtschaft erlebe derzeit "gleichzeitig einen Angebots- und Nachfrageschock extremsten Ausmaßes", urteilen die Analysten der Privatbank M.M. Warburg. So sei etwa auf der Angebotsseite in Deutschland innerhalb weniger Tage die gesamte Produktion der Automobilindustrie zum Erliegen gekommen.

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USA setzen auf "Helikoptergeld"

Auf der anderen Seite fürchten viele Menschen um ihren Job oder haben ihn schon verloren. Das bremst über kurz oder lang auch den Konsum. Nicht zuletzt deshalb hat US-Präsident Trump angekündigt, Millionen von Amerikanern einen Scheck von 1000 US-Dollar zukommen zu lassen - und später vielleicht sogar noch einen zweiten. Das "Helikoptergeld" soll den Menschen in der Krise helfen, den Konsum stützen - und die US-Wirtschaft so von einem Absturz bewahren.

All' die Maßnahmen konnten bislang jedoch die Aktienmärkte nicht vor weiteren Einbrüchen bewahren. "Die Börsen suchen nach einem Boden", sagt Kapitalmarktexperte Halver: "Aber auf sehr wackeligen Füßen." Der Deutsche Aktienindex nähere sich mittlerweile einem Punktestand, der dem Buchwert der Unternehmen im Index entspreche, meint Christian Kahler, Anlagestratege bei der DZ-Bank. "Der Großteil der Korrektur könnte damit erst einmal vorbei sein", meint Kahler. Wenn allerdings demnächst die großen Unternehmen ihre Bilanzen vorlegen, dürfte wieder Ernüchterung einkehren, glaubt der Experte: "Nach allem, was man bisher weiß, dürften die Zahlen sehr schlecht ausfallen."

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Der Ausdruck "Helikoptergeld" stammt vom US-Ökonomen Milton Friedman. In seiner "Theorie des Geldes" stellte der Nobelpreisträger 1969 die Frage, was geschehen würde, wenn eine Zentralbank das von ihr gedruckte Geld in einen Helikopter laden und über den Bürgern abwerfen würde. Der Ausdruck steht heute für die kostenlose Ausgabe von Geld durch die Zentralbank oder den Staat an die Bürger. Das soll den Konsum ankurbeln. Berühmt wurde die Idee, als der US-Notenbank-Chef Ben Bernanke 2002 den Geldabwurf aus dem Hubschrauber als Möglichkeit zur Bekämpfung der Deflation in Japan bezeichnete. Bernanke bekam daraufhin den Spitznamen "Helicopter Ben".

Anleger sollten noch vorsichtig sein

Für Anleger bedeutet das: Es ist weiterhin Zurückhaltung geboten. Zwar ergebe sich derzeit wegen der extrem niedrigen Kurse "potenziell eine Chance, die man vielleicht nur ein- oder zweimal im Leben hat", glauben die Analysten von M.M. Warburg: "Aber noch ist es nicht so weit. Die Krise wird vermutlich länger dauern, als sich das viele vorstellen können." Auch Robert Halver glaubt, dass das Ende der Krise noch nicht erreicht sei. Allerdings könnten nicht mehr allzu viele Schocknachrichten kommen, meint er: "Eine Ausgangssperre – das wäre noch einmal so eine Nachricht. Aber dann dürften wir bald am schlimmsten Punkt angelangt sein."

Halver rät Anlegern, die jetzt noch im Aktienmarkt engagiert sind, dabei zu bleiben. "Jetzt auszusteigen lohnt sich nicht. Damit realisiert man nur die Verluste." Außerdem hält er Aktiensparpläne derzeit für eine gute Idee. Das Argument, dass der Aktienmarkt zu teuer sei, gelte mittlerweile nicht mehr. "Jeden Monat über einen langen Zeitraum hinweg eine kleine Summe in Aktien zu investieren: Das ist in dieser Situation sicher keine schlechte Strategie", sagt Halver.

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Nicht täglich ins Portfolio schauen

Ähnlich sieht es Aktien-Stratege Christian Kahler. Anleger sollten nicht auf die nächsten Wochen und Monate schauen, sondern viel weiter voraus. Im Moment gebe es zwar eine Krise und die Kurse könnten auch noch einmal stark nach unten gehen."Auf ein, zwei oder gar drei Jahre gesehen werden sie aber sicherlich wieder höher sein als heute", glaubt Kahler. Die jetzige Krise sei daher "ein extrem spannender Zeitpunkt, um sich mit dem Aktienmarkt näher zu beschäftigen". Wer dabei sei, müsse allerdings "mit stark schwankenden Kursen leben können und nicht täglich ins Portfolio schauen."

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Quelle: www.datenschutzbeauftragter-info.de

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